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Der Baron von Coburg

 

Am 3. März 1819 protokolliert der Sachsen-Coburgische Notar Tosetti einen Grundstücksverkauf:[1]

 

Repertorium No 10

 

In Gemäsheit der vom Hoher Landes=Commissionunterm 28ten des verloffenen Monaths Februar dieses Jahres No 814 genehmigten Berathschlagung des dahiesigen Stadtraths vom 25ten nämlichen Monaths, und der in derselben Genehmigung der Herzoglichen Oberbürgermeisterey allhier ertheilten Autorization erklärt dieselbe hierdurch, für erb und eigen, frey von Lasten und Hypotheken, die gewöhnliche Grundsteüer ausgenommen, unwiederruflich, abgetretten zu haben und hierdurch abzutretten: Ein der Stadt Sanct Wendel zugehöriges Grundeigenthum, gelegen auf dem Bann dieser Stadt, auf dem Distrikt, genannt der Guthesberg, begriffen unter No 1062. des Laagerbuchs, haltend acht Ruthen, acht Schuhe, begränzt einseits die Straaße nach Baltersweiler, anderseit Johann Clemenz gegen ein Fußpfad, hinten Gottlieb Carlinowsky.

 

Der Herr President der Herzoglichen Landes-Commission Ludwig, Friedrich, Emil, Baron von Coburg, residirend zu Sanct Wendel, Kantons und Landesgerichts desselben Namens haben vorstehendes Grundeigenthum käuflich angenommen für den Kaufpreis von Achtzehn Gulden, vier und zwanzig Kreüzer, rheinisch, zahlbar an den Herrn Einnehmer Gand dahier zum Vortheil der hiesigen Stadtkasse.

 

Die Herzogliche Oberbürgermeisterey sezt den Herren Käufer hierdurch in den Besitz und Genuß des erkauften Gegenstandes hiermit ein und versichert zu allen Zeiten die Gewährleistung wie Rechtens.

 

Des zu Urkund ist gegenwärtiger Akt aufgesezt, vorgelesen, von den Interessenten genehmigt und unterzeichnet worden.

 

Geschehen auf der Canzley der Herzoglichen Oberbürgermeisterey zu Sanct Wendel am 3ten März 1819.

 

LFEBvCoburg

 

Herzoglich-Sachsen-Coburg-Saalfeldische Oberbürgermeisterey dahier.

 

Hornung

 

Einregistriert zu St. Wendel den Dritten März 1819, folio 89, Case 6, empfangen vierzig fünf Kreuzer.

 

Tosetti.



[1] Stadtarchiv St. Wendel, C7/67, Seite 84-86

 

 

Über diesen Baron von Coburg gab in der hiesigen Literatur bisher wenig zu lesen.

 

Ludwig Friedrich Emil von Coburg wird 29.11.1779 in Hildburghausen als unehelicher Sohn der Mademoiselle Brutel de la Rivière geboren. Sein Vater ist Prinz Ludwig Karl Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld, ein Bruder von Herzog Franz Friedrich Anton von Sachsen-Coburg-Saalfeld, dem Vater von Herzog Ernst Anton Karl Ludwig, der als Ernst I Eigentümer des Fürstentums Lichtenberg wird. Somit ist Emil ein nicht legitimer Cousin des Landesfürsten.

 

Emil, der den bürgerlichen Familiennamen "Briedel" trägt, verbringt seine Kindheit bei seiner Tante, der Herzogin Auguste von Sachsen Coburg-Saalfeld[1]. Am 14. November 1798 weist sein Großvater, Herzog Ernst Friedrich, seinen Reichshofratsagenten David Heinrich Gottfried von Pilgramm an, beim Kaiser die Adelserhebung seines illegitimen Enkles als "Emil von Coburg" zu beantragen. Namensgebend ist ein 1599 mit Lucas von Coburg ausgestorbenes coburgisches Adelsgeschlecht. Ohne die Entscheidung des Kaisers Franz II. abzuwarten, wird Emil unter diesem Namen am darauffolgenden Tag, dem 15. November 1798, zum Kammerjunker ernannt. Herzog Ernst Friedrich reicht am 20. Februar 1800 beim Kaiser ein weiteres Gesuch um die Adelserhebung seines Enkels ein, auf das am 19. November 1800 dessen Adelserhebung folgt. Die auf Antrag bereits ermäßigte Gebühr des kaiserlichen Taxamtes beträgt 2.589 florin 30 Kreuzer Wiener Courant. Am 6. März 1800 wird Emil förmlich in das Rittergut Waldsachsen bei Coburg eingeführt, das ihm nach dem Heimfall an das Herzogshaus von Herzog Ernst Friedrich und dessen erster Ehefrau, Sophie Antoinette, geschenkt wurde. Damit erlangt er den Titel eines Hofmeisters[2].

 

Als im Januar 1803 sein Onkel, der Herzog Franz Friedrich Anton, schwer erkrankt, empfiehlt er seinem ältesten Sohn, dem späteren Landesfürsten Franz Ernst, einen Minister des Fürstentums Sachsen-Coburg-Saalfeld, als Lehrer. Diesen Herr, Theodor von Kretschmann, darf man sich weniger als einen Lehrer im klassischen Sinne vorstellen, mehr als einen Mentor, der die Erziehung überwacht und leitet. Von Kretschmann seinerseits schlägt nun vor, dem Erbprinzen Franz Ernst seinen Cousin Emil von Coburg als einen "unverdorbenen Gesellschafter" zur Seite zu geben. Er schreibt u.a.: "Coburg ist angewiesen, so oft als möglich bey uns über unsere kammerwirthschaftlichen Gegenständ Unterricht zu erhalten, den Prinzen bey Spazierritten und -gängen darauf aufmerksam zu machen und so unerwartet auf seine Bildung zu würken, ohne der Sache den Anstrich von Hofmeisterung zu geben. Hat der Prinz vollen Geschmack an den Geschäften erhalten, so wird er selbst studiren, und dann ich noch mehr auf Vermehrung seiner Kenntnisse würken." Der kranke Herzog genehmigt den Plan schließlich, und da Emil am 7. April 1803 als Kammerherr für den Hofdienst bei Erbprinz Ernst bestimmt wurde und auch 1804 noch diese Aufgabe wahrnahm, ist anzunehmen, daß der Plan zumindest versucht wurde. Es muß jedoch bezweifelt werden, ob diese indirekte Beeinflussung Ernsts überhaupt zu verwirklichen war, denn es hätte eines sehr reifen, sich in der Gewalt habenden Gesellschafters und eines erheblich weniger kritischen und egoistischen Erbprinzen bedurft[3].

 

1808 erfolgt die Ernennung von Coburgs zum Major, 1814 zum Obristleutnant und Stallmeister. Am 11. September 1816 tritt er seine Stelle als Regierungspräsident des Fürstentums Lichtenberg in St. Wendel an und behält diese bis Sommer 1824 inne.

 

 

Ludwig Friedrich Emil von Coburg

(Lithographie etwa aus dem Jahre 1827 von Daniel Engelmann)[4]

 

Im Jahre 1817 wird Emil zum Oberstallmeister ernannt und heiratet in Coburg die Gräfin Thekla Vithum von Eckstädt (* 25.09.1797 Dresden, + 18.11.1880)[5]. Wie ihr Ehemann gehört sie der evangelisch-lutherianischen Konfession an.

 

Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor, die teils in St. Wendel, teils in Coburg geboren werden. Die Gräfin scheint sich in St. Wendel nicht so recht wohl gefühlt zu haben, jedenfalls scheut sie sich nicht, den weiten Weg zwischen St. Wendel und Gotha oder gar Dresden einige Male zurückzulegen.

 

"Anheute den fünf und zwanzigsten des Monats Juny Tausend acht Hundert achtzehn, um sieben Uhr des nach Mittags. erschiene vor uns Civilstandes Beamten der Bürgermeisterei von St: Wendel, Kanton von St. Wendel, der Ludwig Friedrich Emil Baron von Coburg, Oberstallmeister und President der Herzoglichen Landes Commission der acht und dreyßig Jahr alt <s>von Profeßion ein</s> wohnhaft zu St: Wendel welcher uns erklärte, daß ein Kind weiblichen Geschlechts zu St: Wendel den fünf und zwanzig(s)ten des Monats Juny um sechs Uhr des nach=Mittags gebohren worden, von Theckla gebohrene Gräfin Vitzthum <s>wohnhaft zu</s> von Eckstaedt <s>von Profeßion</s> seiner Ehefrau, wohnhaft zu St: Wendel und erzeugt von ihm Herrn Deklaranten von Profißion ein --- wohnhaft zu St: Wendel welchem Kind die Vornamen Luise Ernestine Wilhelmine Henriette gegeben werden sollen. Ueber welche Erklärung, die geschehen ist, in Beysein der beiden Zeugen Carl Cetto, vier und vierzig Jahr alt <s>von Profißion ein</s> Oberbürgermeister wohnhaft zu St: Wendel und Christian Roechling von Profißion ein doctor der Medizin wohnhaft zu Saarbrücken. Gegenwärtiger Akt errichtet, und nach geschehener Vorlesung von uns, dem anzeigenden Theil und den Zeugen unterschrieben worden ist.

 

Geschehen zu St: Wendel Jahr und Tag wie oben

Emil Baron von Coburg, Carl Cetto, Dr. Röchling,

der hierzu beauftragte Adjunckt N. Demuth"[6]

 

Doch das Schicksal meint es nicht gut mit der jungen Familie, denn schon zehn Stunden später - in den frühen Morgenstunden des 26. Juni - stirbt das Mädchen.

 

Den gleichen Wortlaut mit anderen Daten finden wir im Geburtseintrag des ersten Sohnes, Ernst Ludwig August Heinrich Johannes Emanuel, geboren am 24. Juni 1819 um drey Uhr des Vormittags[7]. Die anwesenden Zeugen sind der 46-jährige Geheime Rechnungsrath[8] August Martin Friedrich Sebaldt und der 31-jährige Heinrich Ernst Habermann, Sachsen-Coburgischer Landes Commissions Rath, beide wohnhaft zu St. Wendel. Ernst Ludwig heiratet 1865 Thekla Ferrich (*1840 +1901). Er stirbt 1899.

 

Zwei Jahre später - um den 11. April 1821[9] - bringt die Gräfin Zwillinge auf die Welt. Dies geschieht vermutlich in Coburg, da die Geburt in St. Wendel nicht registriert ist. Weniger als ein halbes Jahr später und binnen dreißig Tagen sterben beide Jungen in St. Wendel - Alphonse II am 19. August und Leopold-Anton-Friedrich-Carl am 1. September 1821. In beiden Fällen wird der Sterbefall angezeigt durch den 41-jährigen Verwalter Leonhardt Hilz oder Hülz und den 32-jährigen Kutscher Gottlob Mechtholdt, die sich vermutlich beide in Diensten des Barons befinden.

 

Lt. Miroslav Marek[10] wird im Jahre 1822 ein Sohn namens Oswald geboren. Im St. Wendeler Standesamt ist er nicht registriert, auch nicht im Coburger Taufregister[11].

 

Im Sommer 1824 zieht die Familie von St. Wendel nach Coburg zurück, wo Emil die Präsidentschaft der Landesregierung übernimmt und gleichzeitig Mitglied des Landesministeriums wird. Seine Verabschiedung in St. Wendel findet im darauffolgenden Jahr mit einer feierlichen Zeremonie statt, bei der Bürgermeister Hornung folgende Worte findet: "Das bewährte und unermüdete Bestreben unseres unvergesslichen Herrn Geheimen Rathes und Regierungspresidenten Baron von Coburg sowohl für die Verschönerung und den Nutzen unserer Stadt, als auch für das Wohl deren Bewohner kräftigst einzuwirken, musste in uns das ungeheuchelteste Dankgefühl erregen." Die Bürgerschaft drückt ihren Dank aus in Form eines silbernen und vergoldeten Trinkbechers mit der Aufschrift "Zum Andenken von den Bewohnern der Stadt St. Wendel"[12].

 

In Coburg werden zwei Kinder geboren: Hugo Rudolph am 20.10.1825 um drei einviertel Uhr (morgens) und Maria Auguste Caroline am 14. September 1827[13]. Eigenartig ist, daß Hugo Rudolph im Taufregister "5. Kind aus 1. Ehe" und seine Schwester "6. Kind aus 1. Ehe" genannt werden. Lt. Wettin stirbt Hugo im Jahre 1892. Er ist in 1. Ehe (oo 1879) mit Gräfin Sophie Vitzthum von Eckstädt (*1849 +1880) verheiratet, vermutlich einer seiner Cousinen mütterlicherseits. 1882 heiratet er in zweiter Ehe Marie Lindner (*1858 +1945). Caroline heiratet 1855 Johann Freiherr von Möller-Lilienstern (+ 1895). Sie stirbt am 25.04.1901 in Carlsdorf bei Langhagen[14].

 

Obwohl Emil bereits ein Jahr vor Hugo Rudolphs Geburt St. Wendel und damit das Fürstentum Lichtenberg verlassen hat, wird sein Beruf immer noch mit "Geheimer Rath und Regierungspräsident" angegeben; im Eintrag von Caroline wird er "Oberstallmeister" und "Cammerherr" genannt. Zu seinem Amt als Präsident der Landesregierung kommt 1826 noch das Präsidentenamt des sächsisch-coburgisch und gothaischen Ministeriums in Coburg hinzu. Beide Ämter hat er bis zu seinem frühen Tod am 4. Dezember 1827 in Coburg inne.

 

Seine letzte Ruhestätte findet er in seiner Heimatstadt Coburg[15].

 


[1] sie ist die 2. Frau von Herzog Franz Friedrich Anton

[2] Christian Kruse, Franz Friedrich Anton von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1750-1806), in: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung, Band 40, 1995, Seite 360, Anmerkung 145

[3] Kruse, a.O., Seite 226-228

[4] a.O., Kruse, Seite 228

[5] Europäische Stammtafeln, Neue Folge, Band III, Tafel 227; Genealogisches Handbuch des Adels, C.A.Starke Verlag

[6] Standesamt St. Wendel, Geburtseintrag 37/1818

[7] Standesamt St. Wendel, Geburtseinträge 37/1818

[8] Im Original steht tatsächlich Rechnungs-, nicht Regierungsrath

[9] das Datum wurde aus dem Sterbedatum errechnet; Quelle: Standesamt St. Wendel, Archiv

[11] Oswald, *1822, +1904; oo 1862 Baroness Anna von Pawel-Rammingen (*1842 +1920)

[12] Stadtarchiv St. Wendel, C 1 / 57, Seite 5

[13] diese Informationen stammen aus dem Taufregister der Schloßkirche zu Coburg. Einträge 21/1825 und 21/1827; Info: Karl Bärmann, Ev.-Luth. Pfarramt St. Moriz, Pfarrgasse 7, 96450 Coburg

[15] Quelle: Josef Dreesen, Findbuch der Fremdbestände, Anhang "Biographien", St. Wendel, 1999

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