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„Weihnachten wie damals in Bethlehem im Stall“

Bericht von Pfarrer i.R. Peter Schnepp, von April 1944 bis Januar 1946 Kaplan in der Pfarrei St.Wendel-St.Anna 24. Dezember 1944          Der Bombenangriff am Tag vor Weihnachten 1944 begann etwa gegen drei Uhr. Da es eben der Tag vor Weihnachten war, war in der Pfarrkirche Beichte angesetzt, die ebenfalls um drei Uhr begann. Ich ging also kurz vor drei Uhr in die Kirche, um Beichte zu hören. Es waren schon einige Leute da, die beichten wollten. Ich setzte mich in meinen Kaplansbeichtstuhl, der in die Wand der Kirche eingebaut war und zwar vom Eingang aus in der rechten Eingangswand. Man saß also beim Beichthören ganz im Schutze der Mauer.          Ich hatte mich kaum dort niedergelassen, da hörte ich plötzlich den Fliegeralarm der angreifenden Bomber, und in dem nächsten Augenblick fielen auch schon die Bomben. Sie schlugen in den Glockenturm der Kirche und auch neben der Kirche ein. Von dem Treffen im Turm und um die Pfarrkirche und Pfarrhaus lege ich einige Fotos bei, die ich selbst gemacht habe. Die Tür meines Beichtstuhles flog durch den Luftdruck auf, und die zerstörten Glasfenster der Kirche splitterten in den Raum. Eine gewaltige Staubwolke erfüllte den ganzen Kirchenraum, und als ich mich von dem ersten Schreck erholte, sah ich, daß einer der Männer, die zur Beichte gehen wollten, sich vor mir auf dem Boden des Beichtstuhles zusammengekauert hatte, weil auch er Rettung und Schutz gesucht hatte in der schützenden Mauer des Beichtstuhles.          Als der Angriff vorüber war, sahen wir uns den Schaden an. Der Turm war zerstört. Die Kirchenfenster auf der rechten Seite waren ebenfalls zerstört. Die Weihnachtkrippe, die bereits aufgestellt war, war mit Splittern und Staub bedeckt. Der nächste Weihnachtsmorgen          Die Mette war in aller Frühe angesetzt. Das Weihnachtsfest wurde zu. einer echten Kriegsweihnacht. Ich erinnere mich noch an eine dunkle Kirche. Die Kirche war kalt und ohne Fenster. Ich weiß auch nicht mehr recht, ob die Stromleitungen funktionierten und ob die Orgel noch spielte, aber ich weiß wohl noch, daß der Kirchenchor die einstudierten Weihnachtsgesänge noch sang oder jedenfalls noch singen wollte, wenn auch öfter durch den Herrn Pastor Münch unterbrochen wurde, dem es nicht schnell genug ging, weil er ständig einen neuen Angriff befürchtete. So griff er schon mit seinem Dominus vobiscum ein, ehe noch das Gloria zu Ende war. Die Predigt, auf die ich mich am Abend vorher noch der Lage entsprechend, vorbereitet hatte, mußte ausfallen. Pastor Münch sagte nur einige Worte zum weihnachtlichen Geschehen. Jedenfalls in Erinnerung ist mir geblieben eine ganz eigenartige Weihnachtsstimmung, eine traurige, aber auch sehr echte Weihnacht in großer Armut und Not. 27. Dezember          Der nächste besonders schwere Bombenangriff erfolgte dann am 27. Dezember. Er forderte auch unter der Bevölkerung schwere Opfer. Auch die Kirche wurde sehr schwer getroffen. Die Kirche, die ja ein Betonmauerwerk hatte, hatte zwei Haupteisenträger, die in der Länge des Kirchenschiffes verliefen und die die langen Mauern hielten. Einer dieser Träger wurde durch eine Bombe voll getroffen, so daß sich nicht nur der Träger, sondern die ganze Kirchenwand bog. Diese linke Wand zum Pfarrhaus hin drohte nun jeden Augenblick ganz einzustürzen. Rund um die Kirche und des Pfarrhaus lagen mehrere große Bombentrichter. Die Kirche war für die Feier des Gottesdienstes vollständig unbrauchbar geworden. Der Altar war auch zerstört. Die Reliquienkapsel war aus dem Altarstein weggeschleudert worden und im Schutt verloren gegangen. Sie wurde später noch einmal aufgefunden.          Ich erinnere mich noch, daß Kaplan Stabler, der in diesen Tagen in seiner Heimatstadt St. Wendel weilte, und ich durch die schmalen zerstörten Fenster des Chores.hindurch kletterten, um die heiligen Gefäße aus dem Tabernakel und die besten Paramenten aus der Sakristei zu retten. Es war lebensgefährlich. Ich weiß auch nicht mehr,was wir noch wirklich gerettet haben.          Da nun das ganze Gotteshaus zerstört war, mußte eine neue Bleibe für die Feier des Gottesdienstes, sowie für die Bewohner des Pfarrhauses Alsfassen gesucht werden.  Prälat Heibges nahm nun die Pfarrei St. Anna und auch das ganze Pfarrhaus St. Anna bei sich auf.          So wurden wir Gäste im Dom und Pfarrhaus St. Wendelinus. Pastor Münch und Kaplan und sein ganzes Haushaltspersonal wohnte von da ab in der Kaplanei von St. Wendelin. Ich selbst war von da ab sowohl Kaplan von Pastor Münch wie auch von Prälat Heibges. Die Pfarrschwester Sr. Raffaela zog zu Langendörfer.          Die vielen Beerdigungen der Bombenopfer mußten meistens in den frühen Morgenstunden gehalten werden, wo es noch halb dunkel war, und diese Beerdigungen musste meistens der Kaplan halten. Ich erlebte es oft, daß nur die nächsten Angehörigen der Verstorbenen am Grabe dabei standen und daß auch diese noch davon liefen, wenn während der Beerdigung Bombenalarm gegeben wurde. Sobald Fliegeralarm gegeben wurde, stand ich oft noch allein am Grabe, und alle flüchteten in irgendwelche Schutzräume und Keller oder sonstige Plätze, wo man glaubte, wenigstens etwas sicher zu sein.          Nun muß ich aber noch auf ein Ereignis zurückkommen, das sich in der Silvesternacht dieses Jahres 1944-45 ereignet hatte. Das Alsfasser Pfarrhaus stand leer, die Bewohner des Pfarrhauses waren bereits ausgezogen. Die Türen und Fenster aber waren nicht mehr richtig zu verschließen, so daß jeder der wollte, dort einsteigen konnte. Als Kaplan von St. Anna aber sollte ich etwas auf St. Anna aufpassen. Das Kaplansschlafzimmer lag direkt neben der Kirche. Mein Bett stand noch an der Wand, und man konnte vom Schlafzimmer aus durch einen kleinen Mauerschlitz in die Kirche und auf den Altar sehen. In diesem Bett schlief ich ganz allein im Pfarrhaus St. Anna in jener Silvesternacht. Als ich mich ins Bett legte, hörte ich schon, wie ab und zu von oben herunter schwere Betonblöcke der getroffenen und hängenden Kirchenwand stürzten und mit lautem Knall auf die Kirchenbänke schlugen, die ja noch in der verlassenen Kirche standen.          Durch den Frost des Winters und des nachfolgenden Tauwetters lösten sich immer mehr Steine; dauernd trommelten die fallenden Steine auf die Kirchenbänke. In dieser Silvesternacht rechnete ich also ganz fest mit dem Einsturz der ganzen Wand.          Und so geschah es dann auch. Fast genau um Mitternacht stürzte die ganze Kirchenwand unter fürchterlichem Krach ein. Eine gewaltige Staubwolke erfüllte mein Schlafzimmer, so daß ich kaum noch atmen konnte. Ich zog die Decke über mein Gesicht, um etwas gegen den Staub geschützt zu sein, stand aber nicht einmal auf, um nachzusehen, weil ich mich inzwischen an so Vieles gewöhnt hatte und darum gar nicht mehr neugierig war, was noch passieren könnte. Am Neujahrstag erzählten mir die Alsfasser Leute, daß sie weithin den Krach der einstürzenden Kirche gehört hätten.          Nun folgen einige Dinge und Erlebnisse, an die ich mich noch besonders gut erinnern kann, die ich aber nicht mehr in das genaue Datum und die genaue Zeitangabe einzuordnen weiß.          Es war im Alsfasser Pfarrhaus. Eine alte Frau, deren Namen ich aber auch nicht mehr weiß, hatte man ins Pfarrhaus gebracht, womöglich, weil sie keine Unterkunft mehr hatte. Man hatte sie auf einer Bahre oder besser einer fahrbaren Liege im Flur des Pfarrhauses abgestellt. Nur die Schwester Rafaela und unsere treue Hausgehilfin Agnes und ich, der Kaplan, waren im Pfarrhaus. Plötzlich kam ein Angriff. Wir stürzten in den Keller, konnten aber die Frau unmöglich noch in den Keller schaffen, denn schon fielen die Bomben. Die Wände des ganzen Hauses bebten wie bei einem Erdbeben. Wir drei standen im Keller nebeneinander an die Kellerwand gelehnt und jeder suchte sich voller Angst an den andern zu klammern. Plötzlich dann ein gewaltiger Krach und Knall, und wieder war der Keller in Staub gehüllt. Wir glaubten, nun sei alles verloren, meinten, im Keller verschüttet zu sein. Und wir hatten auch die Hoffnung für die Rettung der armen kranken Frau bereits aufgegeben; aber zum Glück ging doch alles ganz anders und gut aus.Wir waren weder verschüttet noch war die Frau in der Diele umgekommen. Als wir aus dem Keller herausstiegen, konnten wir erfreut feststellen, daß sie den Angriff überstanden hatte, wenn auch das Pfarrhaus innen sehr mitgenommen war. Unser Gebet für sie hatte also doch geholfen.          Ein anderes Ereigniss haftet noch stark in meiner Erinnerung. Ich hatte die kleinen Kinder auf die erste Beichte und Erstkommunion vorzubereiten. Vor der Beichte pflegte ich mit ihnen gemeinsam Reue und Vorsatz zu erwecken. Unter diesen Kindern war auch ein kleines Mädchen, Hildegard Marschall, eine Tochter von Hermann Marschall, Tholeyer Straße 18.          Ich sagte also den Kindern: Macht eure Beichte so gut, als ob es die letzte Beichte wäre. Es kann ja sein, so sagte ich ihnen, daß auch eines von euch Kindern, die ihr jetzt hier vor mir sitzt, in den nächsten Tagen vieleicht nicht mehr am Leben sein wird. So wie ich es sagte, geschah es dann auch. Das Kind Stoll fiel an einem der nächsten Tage einem Angriff zum Opfer.          Bei diesem Angriff war der Tholeyerberg und auch die Breitenerstraße besonders schwer getroffen worden. Es gab furchtbare Bilder des Grauens und der Zerstörung. Ganze Familien wurden ausgerottet, die alle in den Kellern ihrer Häuser Zuflucht gesucht hatten. Ich habe die meisten dieser Opfer auf dem Friedhof beerdigt, und noch heute, wenn ich durch die Grabreihen auf dem Friedhof gehe und die Namen der Familien dort noch finde, werde ich auch an diese schlimme Zeit wieder erinnert. Ich muß denken an die Überreste von Menschen und Menschengliedern, die ich sah, die man in einer Halle des Gymnasiums zusammengetragen hatte, um sie nach Möglichkeit zu idendifizieren. Ein grausamer Anblick, eine der grausamsten Bilder, die ich erlebte.          Ich muß auch denken an einen Angriff in der Kelsweilerstraße, als die Straße durch Brandbomben getroffen wurde und als eine Frau dort in einem brennenden Haus bei lebendigem Leib verbrannte. Als Kaplan mußte ich nach jedem Angriff sofort hinaus auf die Straße und in die betroffenen Stadtbezirke, um zu helfen, wo die Not am größten war, und um noch die Absolution zu erteilen, wo immer es noch möglich war. Auch bei Rettungsarbeiten und Ausgrabungen von Fliegeropfern stand ich oft dabei und wartete mit Furcht und Bangen, ob denn noch ein Mensch lebend aus den Trümmern geborgen werden konnte. So auch bei dem Haus Hans in der Alsfasserstraße oder bei der Familie Schneider und beim Haus Wagner in der Nähe des Pfarrhauses.          Den Angriff auf die Fausenmühle habe ich auch an Ort und Stelle miterlebt. Der Angriff erfolgte in verschiedenen Wellen. Als die erste Angriffswelle vorüber war, führ ich mit dem Fahrrad dorthin, und kaum war ich dort angekommen, erfolgte schon eine zweite Angriffswelle. Wir suchten Schutz hinter jedem Hügel und Schutthaufen.          Zum Schlusse dieses Berichtes, der noch lange nicht vollständig ist, habe ich noch eine Bitte. Ich möchte mit diesem Bericht jemanden ein Denkmal setzen, der es wahrhaftig verdient hat.          Es ist  Peter Scheid aus Alsfassen. Was er in diesen schlimmen Tagen in St. Wendel geleistet hat, ist rühmenswert. Es sollte in der Chronik der Pfarrei St. Anna festgehalten werden. Jedesmal, wenn ein Angriff vorüber war, sah ich ihn mit einem zweirädrigen Karren durch die zerstörten Straßen fahren und die Opfer der Angriffe - und was er an Überresten sonst noch Wichtiges entdecken konnte - aufzusammeln und in Sicherheit zu bringen. Ihm hat St. Wendel wirklich Dank zu sagen. Dieses Bild kann ich nicht vergessen.          Ich möchte schließen mit dem Bericht über das Schicksal der Reliquien aus dem Altarstein der St. Annakirche. Ich habe schon berichtet, daß diese Reliquienkapsel durch den Fliegerangriff am 27. Dezember verloren gegangen war. Nachdem der Krieg langsam zu Ende gegangen war, hatte  Pastor Münch für seine Alsfasser Pfarrkinder wieder eine Notkirche im Pfarrsaal in Alsfassen einrichten lassen. So konnte sich die Pfarrei Alsfassen wieder in ihrer eigenen Pfarrei zum Gottesdienst versammeln. Sonntags mußten deswegen auch wenigstens 4 — 5 Gottesdienste im Pfarrsaal gehalten werden. Wir wechselten uns also bei diesen Gottesdiensten ab, Pfarrer und Kaplan. Eines Tages nun kam  Pastor Münch und wollte selbst alle Predigten an diesem Sonntagmorgen halten.          Warum tat er das? Er hatte an diesem Sonntag etwas Besonderes vor, und das wollte er unbedingt der Pfarrei sagen. Die Reliquienkapsel, die verloren gegangen war, war nämlich wunderbar wiedergefunden worden. Mit großer Freude feierten der Herr Pastor und die ganze Gemeinde dieses Ereignis. Das Kästchen wurde auf dem Altar der Notkirche ausgestellt und verehrt. Dieser kleine Reliquienschrein von Heiligen, diese Reliquienkapsel, die verschüttet worden war und wiedergefunden wurde, könnte vielleicht für die Pfarrei St. Anna ein Zeichen bedeuten, ein Zeichen, das Gott ihr gegeben hat. Sie könnte hinweisen auf die Auferstehung der Vielen, deren Gebeine unter den Trümmern des Krieges in St. Wendel auch umgekommen sind und verloren gegangen sind.          Gott schenke ihnen ein neues Leben und die Auferstehung von den Toten.

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
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