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Die Tholeyer Straße

Anwohner der Tholeyer Straße im Jahre 1938
1       
Finanzamt St. Wendel
1        Zollamt St. Wendel
2        Hausen Josef, Küfer
2        Peter Johann Matthias, Kraftfahrer
3        Andres Ferdinand, Steinbrecher
3        Siebich Otto, Reichsbahn-Material-Aufseher
3        Wolf Maria, Fabrikarbeiterin
3        Wolf Jakob, Arbeiter
3        Wagner Johann, Schreiner
3        SA.-Sturm 21/174, Ruf 32
5        Angel Michel, Postassistent i.R.
5        Angel Wilhelm, Katastertechniker
5        Federkeil Rudolf, Lehrer
5        Schröter Bruno, Ingenieur
6        Allwissner Anton, Reichsbahn-Kraftwagenführer
7        Backes Anton, Büroassistent
7        Schmitz Johann, Polizei-Hauptwachmeister
9        Schley Franz, Gärtnereibesitzer, Ruf 187
9        Schley Franz, Gärtner
9        Schley Peter, Gärtner
9        Schley Rudolf, Angestellter
12      Theis Bertha, Telphonistin
12      Theis Magdalena, Witwe
14      Berg Erich, Reserve-Lokführer
14      Hans Alois, Lokführer
14      Kaißling Josef, Anstreicher
16      Müller Frieda, Kindergärtnerin
16      Stopp Rudolf, Reichsbahninspektor
16      Müller Rudolf, Reichsbahnschreibgehilfe
17      Quack Josef, Architekt
18      Dankof Otto, Techniker
18      Marschall Hermann, Reichsbahndreher
18      Marschall Johann, Oberlokführer a.D.
19      Friedrichs August, kaufmännischer Angestellter
19      Loch Alois Jakob, Elektromonteur
20      Litz Alfred, Anstreicher
20      Litz Berta, Postbetriebsassistentin
20      Litz Peter, Telegrafenbauführer
21      Grisard Helmut, Kulturbautechniker
21      Kiefer Edmund, Bergmann
21      Krein Karl, Bergmann
21      Walch Karl, Nachtwächter
22      Guddat Agnes, Witwe
23      Berwanger Johann, Oberpostschaffner
23      Groß Konrad, Konrektor i.R.
25      Egersdörfer Franz, Kaufmann
25      Fickinger Peter, Reichsbahnschreiner
25      Loch Heinrich, Schlosser
27      Berty Fritz, Angestellter
27      Klemann Anna, Gewerbelehrerin
27      Neiss Maria, Diplom-Handelslehrerin
27      Zimmer Hanna, Gewerbelehrerin
28      Gladel, Dr. Anton, Studienrat i.R.
29      Baltes Alfred, kaufmännischer Angestellter
29      Fuchs August, 1. Bürgermeistereisekretär
30      Wasmer Else, Witwe
39      Eckert Paul, Tiefbautechniker
39      Riefer Cilly, Verkäuferin
39      Riefer Elisabeth, Witwe
39      Riefer Maria, Hausangestellte
42      Latz Matthias, Reichsbahn-Amtmann
43      Backes Johann, Bergmann
43      Langendörfer Nikolaus, Lokführer
43      Rech Jakob, Bergmann
43      Reuth Katharina, Gesundheitspflegerin
43      Schido Johann, Lokheizer
46      Stürmer Fritz, Reichsbahn-Werkstattvorsteher
48      Woll Nikolaus, Kreiswalter der DAF
49      Stillemunkes Peter, städtischer Arbeiter
50      Jung Johann, Reichsbahnrangierer
50      Schuhmacher Jakob, Reichsbahnamtsgehilfe
54      Schido Karl, Reichsbahnvorschlosser
55      Berberich Johann, Reichsbahnarbeiter
56      Daniel Otto, Obersteuerinspektor
56      Küster Henriette, Büroangestellte
58      Klees Peter, Reichsbahnschlosser
59      Riotte Emil, Reichsbahnschlosser
61      Alles Karl, Eisenbahnarbeiter
65      Umhofer Peter, Bergmann
67      Maurer Julius, Reichsbahnvorschmied

Die Augenzeugenberichte hat Pastor Johann Litz Ende der 1980er zusammengestellt. Ich habe die Texte aus seinem Manuskript übernommen und behutsam korrigiert. Zusätzliche Informationen habe ich in kursiver Schrift vorangestellt. Die Daten stammen aus den Bauakten des hiesigen Bauamts, den Meldekarten des Ordnungsamts bzw. aus diversen Notariatsakten, die im Landesarchiv in Saarbrücken aufbewahrt werden.

Im Keller des Finanzamts
von Beate Krämer, Schwester von Ruth Dörr geb. Federkeil,
Enkelkind der Eheleute Michel und Rosa Angel

Das St. Wendeler Finanzamt befand sich damals in der Tholeyer Straße 1 in dem langgestreckten Gebäude, das linkerhand hinter dem Ausgang der Unterführung nach Westen hin liegt.

Ich war ein Kind von acht Jahren. Meine Mutter schickte mich in die Stadt, um etwas einzukaufen. Auf dem Nachhauseweg ging ich durch die Unterführung und war gerade an der Treppe zum Finanzamt, da gab es Vollalarm. und die Bomber waren auch schon über uns. Kein Voralarm, nichts, und die Flieger zogen schon ihre Schleifen über dem Haus. Leute, die mit mir auf der Straße gingen - es waren ungefähr 8 bis 10 - zogen mich blitzschnell an der Hand die Treppe hinunter in den Keller des Finanzamts. Die Flieger wollten den Bahnhof und die Unterführung treffen, die ganz in der Nähe waren. Wir waren kaum im Keller, als die Bomber mit ihrem schrecklichem Geheul runterkamen. Es waren fürchterliche und schreckliche Minuten, die wir auszuhalten hatten. Wir waren überwiegend Frauen, ich war das jüngste Kind. Von dem heftigen Luftdruck, den die Flieger beim Niederstürzen verursachten, ging das Licht aus.
        
Wir lagen alle auf dem Boden - wahrscheinlich wegen des Luftdruckes -jemand zündete ein Kerze an - da kamen sie wieder mit ihrem fürchterlichem Geheul - und das Licht der Kerze ging aus. Es war stockdunkel im Keller - irgendwo aus dem Dunkel fingen Frauen an zu schreien und zu weinen - eine alte Frau fing laut an zu beten, und alle anderen beteten mit. Wahrscheinlich betete ich auch, ich weiß es nicht mehr. Wie lange wir so auf der Erde lagen und im Dunkeln beteten und weinten, weiß ich auch nicht mehr; aber wir hörten noch eine Zeitlang die Bomber über uns. Es krachte und donnerte, das Haus zitterte, und die Fensterscheiben zerbrachen.
         Und dann, auf einmal war alles vorbei. Stille. Ich weiß nicht mehr, wie wir wieder auf die Sraße kamen. Zum Glück war niemand verletzt, jeder konnte mit seinen schlimmen Erlebnissen nach Hause gehen.
         Ich hatte großes Glück. Mein Vater brachte mich aufs Land nach Remmesweiler zu den Großeltern. Meine Mutter und die anderen Geschwister kamen bei Nacht und Nebel nach Remmesweiler, nachdem unser Haus auf dem Härling von zwei Geschossen beschädigt war. Als dann noch unser Vater zu Fuß sich aus der Gefangenschaft auf den Heimweg gemacht hat und auch nach Remmesweiler gewandert kam, blieben wir alle dort. Dort bin ich und zwei meiner Brüder bis heute geblieben.

Tholeyer Straße 7 (Schmitz)
von Mathilde „Tilli“ Sommer geb. Schmitz

        
Tilli hatte acht Tage vor der Bombardierung ihre Mutter nach Weitersstadt bei Darmstadt gebracht. Frau Schmitz kam aber dort vom Regen in die Traufe, denn dort waren die Fliegerangriffe noch stärker als hier. Tilli war an diesem 24. Dezember in Weitersstadt. Andern Tags schaffte sie sich per Anhalter, zu Fuß usw. nach hier und sah dann das Elend der Tholeyer Straße vor sich.
         Das Haus Schmitz selbst war nicht direkt von den Bomben getroffen worden, Fenster, Türen, Decken, Dach und Inventar waren aber schwer angeschlagen und zum Teil vernichtet. Im Gebälk ihres Hauses fand man eine Zeitzünderbombe. Mitten auf der Straße vor ihrem Haus war eine schwere Bombe explodiert, die mehrere Straßenpflastersteine bis in die Zimmer geschleudert hatte. Gegenüber in Guddats Garten hatte ebenfalls eine schwere Bombe ein tiefes Loch aufgeworfen und den Giebel von Guddats Haus weggerissen. Diese Bombentrichter wurden später mit Trümmerschutt und altem Gerümpel aus der Nachbarschaft aufgefüllt. Die Türen und Fenster der Häuser wurden mit Brettern vernagelt, waren aber vor Dieben nicht sicher.
         Der Keller ihres Hauses diente öfters bei Fliegeralarm auch für die Nachbarn Angel und Schley als Schutzraum. Weil aber die Nachbarn wußten, daß an diesem 24. Dezember niemand von der Familie Schmitz zu Hause war, suchten sie bei diesem Alarm nicht den Schutzraum von Schmitzens Haus auf. Herr und Frau Angel gingen zu Gladel, Franz Viktor Schley und Sohn Peter blieben in ihrer Gärtnerei, Frau Kätta Schley und Tochter Elisabeth suchten Schutz im Bunker am Schlachthof.
         Willi Schmitz und seine Frau Maria Fahr wohnten damals in Wismar, ebenso wie seine Schwester Maria Schmitz und ihr Mann Klaus Birtel.
         Tilli Schmitz, verheiratet mit Richard Sommer, blieb bei ihrer Mutter im elterlichen Haus Tholeyer Straße 7 wohnen. Richard war zu der Zeit bei den Soldaten.

Tholeyer Straße 9 (Schley)

        
Das Anwesen am Tholeyerberg bestand aus einem Wohnhaus mit Hofraum und Hausgarten sowie Gewächshäusern. Das Grundstück reichte von der Tholeyer Straße (oberhalb des Doppelhauses 5 und 7) nach Süden und bog dann rechtwinklig zur heutigen Eisenbahnstraße ab, die Anwesen Nr. 5 und 7 umgehend. Im hinteren Bereich in der Gemarkung „im kurzen Flürchen“ standen das Wohnhaus und die Gärtnerei. Das erste Treibhaus wurde bereits 1902 von Franz Viktor Schley errichtet. Damals hatte di Tholeyer Straße noch keinen eigenen Namen und wurde „die Provinizalstraße nach Tholey“ genannt. Das Haus wurde um 1928 erbaut. Der Gärtner Johann Viktor Schley wohnte hier mit seiner Ehefrau Katharina Monz und seinen fünf Kindern, Franz Otto und Peter, beide Gärtner von Beruf, Rudolf (später Postinspektor), Anna (Blumenbinderin) und Elisabeth. Das heutige Haus Nr. 9 vorn an der Tholeyer Straße  wurde erst 1967 von Franz Schley (junior) erbaut.

Nachbarin Paula Litz berichtet:
         Franz Viktor Schley wollte bei Fliegeralarm nicht gerne einen Schutzraum oder Bunker aufsuchen. Dies wurde ihm und dem Sohn Peter an diesem 24. Dezember zum Verhängnis. Peter wurde mit seinem Bett in den Trümmern eines Treibhauses tot gefunden. Vater Schley war ebenfalls tot. Die Mutter Kätta (Katharina) war mit Tochter Elisabeth in den Turmbunker am Schlachthof geflüchtet und hatte so die Bombardierung überlebt. Sohn Franz war zu der Zeit bei den Soldaten.

Tholeyer Straße 12 (Keller)
von Karl Heinz Keller

        
Meine Mutter (Katharina geb. Gregorius) wollte mit mir und meinem jüngeren Bruder Paul Gerhard, der noch im Kinderwagen lag, nach Urweiler zu den Großeltern gehen, als der Fliegeralarm einsetzte und ein Soldat von der Straße zu unserm Haus rannte und uns in unser Haus zurückdrängte. Er hatte nämlich die Gefahr gesehen, die von oben auf uns zukam, eine Rauchbombe, das Angriffszeichen für die Flieger. In der Haustür konnte ich noch gerade sehen, wie in der Bungertstraße eine Bombe auf das Haus Jakobs (jetzt Klingel) niederging. Der Soldat selbst blieb bei uns im Keller, während die anderen Kameraden, die mit ihm unterwegs waren, hinter unser Haus rannten und dort im Freien Schutz suchten. Hinter unserm Haus ging eine schwere Bombe nieder. Wieviele Sodaten dort umkamen bzw. mit dem Leben davon kamen, weiß ich nicht. Meine Großeltern Johann Keller und Rosa Keller waren beim Angriff in unserm Haus. Anderen Tages kamen die Verwandten von Freisen mit einem Fuhrwerk, luden Hausrat auf und nahmen die Großeltern nach Freisen mit. Kurz vor diesem Angriff habe ich noch mit Marschalls Marliese vor dem Haus gesprochen, die für ihren Opa Johann Marschall in der Herberge eine Flasche Bier gekauft hatte. Meine Mutter brachte uns nach diesem Angriff zu den Großeltern Gregorius nach Urweiler.
         Ende Januar/Anfang Februar 1945 war wiederum ein Angriff von Jabos. Eine Bombe ging hinter unserm Haus nieder, welche die Hälfte der Rückwand unseres Hauses mitriß, ebenso den Wintergarten — die Veranda — von unserm Nachbarn Hans Alois und dort schwere Schäden am Dach und der Scheune anrichtete.
         Wie uns Frl. Margaretha Gladel vom Tholeyerberg sagte, hatten gelegentlich 18 Personen von ihrer Verwandtschaft aus Felsberg hier in ihrem Haus Zuflucht gesucht. Daher ist auch wohl die hohe Zahl der Toten am 24. Dezember in Gladels Keller zu erklären. Der Keller von Gladels Haus soll besonders gut abgestützt gewesen sein. Das Fuhrwerk mit den Pferden, mit dem die Verwandten aus Felsberg nach hier kamen, hatte der Bruder der Geschwister Gladel noch vor dem Angriff nach Freisen gebracht und somit gerettet.
         Unser Haus, Tholeyer Straße 12, wurde in den Jahren 1903/04 gebaut. Danach wurden nacheinander die anderen Häuser in unserer Straße aufwärts gebaut.

Tholeyer Straße 14 (Hans)
von Annemargreth Hans

        
Das Haus wurde um 1910 von dem Maschinisten Rudolf Leiner und seiner Ehefrau Emma Bettinger erbaut. Im Mai 1913 verkauften sie es für 11.000 Mark an den Kohlenhändler August Marx und dessen Ehefrau Maria Alsfasser. Diese verkauften es im Oktober 1918 an den Reservelokführer Alois Hans und dessen Ehefrau Maria Balthasar - für 24.000 Mark.
         An diesem 24. Dezember war die ganze Familie Hans, außer unserer Schwester Doris, zu Hause hier in der Tholeyer Straße. Wir wollten nämlich Kindtaufe feiern. Unsere Schwester Elisabeth, verheiratet mit Ernst Klein, wohnhaft in Düppenweiler, hatte an diesem Nachmittag ihr Kind Gerhard Wigbert, geboren am 13. Dezember, in der St. Anna Kirche taufen lassen. An diesem Nachmittag wurde auch das gleichalterliche Kind Anneliese Kornbrust getauft. Zu Hause angekommen setzte die Bombardierung ein. Wir flüchteten alle in den Keller, der, wie auch die anderen Keller in der Nachbarschaft, mit Balken abgestützt war.
         Da unser Haus selbst nicht getroffen war, kam auch niemand zu Schaden. Als eine große Staubwolke in die Kellerräume eindrang, warf sich Elisabeth über ihr Kind, um es vor dem Staub zu schützen. Das Kind muß aber Staub eingeamtmet haben, denn es erkrankte bald darauf an einer Stirnhöhlenentzündung und starb nach drei Monaten am 3. März 1945.
         Am Hause selber waren keine größeren Schäden, außer daß Fenster und Türen herausgerissen waren und an der Veranda— Wintergarten — keine Glasscheiben mehr vorhanden waren. Da das Haus unbewohnbar war, fand unsere Familie in der Urweiler Mühle vorläufig eine Unterkunft. Im Hof hinter unserm Haus lagen Bäume, die aus den Gärten der Nachbarschaft stammten und hierhin geschleudert worden waren.
         In der Scheune hinter unserm Wohnhaus, die in ihrer Substanz unversehrt geblieben war, wurden die Toten aus dem Hause Marschall nach ihrer Bergung aus den Trümmern vorübergehend niedergelegt, bis sie dann mit den andern Toten bis zur Beerdigung am Neujahrstag 1945 aufgebahrt wurden.

Im Hause Hans wohnte zu dieser Zeit die Familie Josef Kaißling in Miete. Die Tochter Liesel, jetzt verheiratete Langendörfer, weiß sich noch wohl an diese schrecklichen Tage zu erinnern und berichtet, daß in der Woche nach Weihnachten hinter dem Hause Hans eine Bombe niederging, die die ganze Hinterfront aufriss und zerstörte.

Tholeyer Straße 16 (Müller)
von Rolf Müller

        
An diesem 24. Dezember waren Rudi Müller und seine Ehefrau Ida nicht hier in ihrem Haus Tholeyer Straße 16. Auf Raten und Drängen ihres Sohnes Rolf, der auf Kurzurlaub zu Hause war und die ständige Bombardierung des Bahnhofes und des Verschiebebahnhof gegenüber ihrem Hause durch die Jabos erlebte und die Gene. dung der Tholeyer Straße erkannte, verließen Rudi Müller und seine Frau am 21. Dezember ihr Haus und nahmen Wohnung in der Lichtenbergstraße.
         Das Haus Müller wurde an diesem 24. Dezember von Bomben getroffen und zerstört. Bei der Suche nach den Toten der Familie Marschall fand man das Nachbarskind Marliese Marschall unter den Trümmern vom Hause Müller tot auf einem Sofa liegend. Das noch übriggebliebene und brauchbare Mobilar schaffte man in den Garten.

Tholeyer Straße 18 (Marschall)

        
Der Lokführer Johann Marschall stammte aus der Luisenstraße 3. Seine erste Ehefrau Barbara geb. Backes, die ihm fünf Kinder schenkte, starb 1905 im Alter von 47 Jahren. Anna Maria Weinand, seine 2. Ehefrau, starb 1918. Die Ehe blieb kinderlos. Im August des darauffolgenden Jahres heiratete er Elisabeth Leismann. Aus der Ehe ging ein Sohn namens Wilhelm hervor, der im Dezember 1919 geboren wurde. Von 1926 bis 1939 lebte er im Sankt Vincenzstift in Aulhausen, einer Pflegeanstalt für geistig Behinderte, die von den Dernbacher Schwestern betreut wurde. Von Mai bis September 1941 war er in der Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster in der Pfalz untergebracht, bis er im Oktober 1941 in das Pflegeheim Kloster Ebernach bei Cochem verlegt wurde. Im Mai 1943 wurden 199 Bewohner des Pflegeheims nach Kulparkow-Lwow bei Lemberg in der Ukraine verschleppt und umgebracht. Ob Wilhelm zu ihnen zählte, ist ungewiß.
         1906 baute Johann Marschall usammen mit seiner 2. Ehefrau das Haus am Tholeyerberg und bewohnte es mit ihr und ihren Kindern: Franz Johann Emil (* 1880), Barbara (* 1894), Peter Wilhelm (* 1896), Karoline (* 1897) und Jakob Hermann (* 1901). Die ältesten drei Kinder starben vor 1919. Karoline heiratete den Regierungsinspektor Gerhard Buschmann (* 1893) aus Kaltenkirchen, der seinen Hauptwohnsitz in Saarbrücken angemeldet hatte. Sie hatten einen Sohn namens Walter Hans Paul Konrad Buschmann (* 1924), der das Ingenieurwesen studierte. Ihr Bruder Jakob Hermann Marschall war mit Helena Katharina geb. Zawar (* 1903) aus St. Wendel verheiratet, die ihm zwei Töchter geschenkt hatte: Agnes Maria Josefa (* 1932), die Marliese genannt wurde, und Hildegard Pauline (* 1936). Bei dem Angriff wurde die Familie fast vollständig ausgelöscht - nur Karoline überlebte. Sie starb 1979 in Nohfelden.

Pastor Litz hat mit Else Zawar geb Leismann, der Nichte von Lisa Marschall geb. Leismann, gesprochen.

         Else wohnte damals bei der Urweilermühle. Sie wollte einen Kuchen in die Tholeyer Straße 18 zu Onkel Johann Marschall und Tante Lisa für Weihnachten bringen. Unterwegs brach um 15.09 Uhr der Fliegeralarm los. Else kam nur noch bis zur Todbachbrücke und mußte zurück in ihr Wohnhaus. Nach der Bombardierung brachte Frau Katharina Keller geb. Gregorius aus der Tholeyer Straße 12, die aus Urweiler stammte und nach ihren Eltern in Urweiler sehen wollte, Else die Nachricht von der Bombardierung der Tholeyer Straße. An diesem Nachmittag waren alle Angehörigen der Famile Marschall zu Hause. Hermann Marschall, der auf der Bahn beschäftigt war, lief bei diesem Alarm ins Elternhaus. Hier waren auf Besuch auch Gerhard Buschmann, der Ehemann von Klara Marschall, und ihr Sohn Walter Buschmann, der im Krieg einen Arm verloren hatte. Klara selbst war an diesem Tag in Speyer. Das jüngste Kind von Hermann, Hildegard, war in dieser Woche vor Weihnachten zur ersten hl. Beichte gegangen und sollte am kommenden Weißen Sonntag zur ersten hl. Kommunion gehen.
         Eine Bombe muß in den Keller von Marschalls Haus eingeschlagen sein und dort explodiert sein. Das ganze Haus stürzte in sich zusammen, alle Einwohner wurden in den Trümmern verschüttet und waren tot. Soldaten gruben die Toten aus. Else mußte die Lage der einzelnen Wohnräume angeben, damit die Bergung schneller vorangehen konnte. Die Soldaten hörten dabei ein ständiges Kratzen in den Trümmern. Es stellte sich später heraus, daß es der Hund von Klara war, der sich, um frei zu kommen, alle Krallen an seinen Pfoten abgekratzt hatte. Auch Hermann fand man mit abgekratzten Fingernägeln. Den alten Herrn Johann Marschall fand man kopfüber in den Trümmern stecken. Das andere Kind Marliese fanden die Soldaten auf dem Sofa in den Trümmern des nachbarlichen Hauses von Rudi Müller. Bei diesem Angriff hatten ein Soldat, der auf dem Weg in die Stadt war, ebenso Herr Cronacher aus der Straße Am Wirthembösch 6 und seine 10 jährige Tochter, Schutz im Hause Marschall gesucht. Auch sie alle kamen hier ums Leben. Insgesamt 11 Tote.
         Die geborgenen Toten wurden im Gymnasium aufgebahrt, damit die Hinterbliebenen sie identifizieren konnten. Die Kleider waren dafür das beste Indiz. Die Toten waren nur mit Decken zugedeckt. Am Neujahrstag fand eine gemeinsame Beerdigung aller Opfer statt. Diese Beerdigung wurde durch feindliche Flieger gestört, so daß die Beerdigungsteilnehmer hinter den Grabsteinen Schutz und Deckung suchen mußten.

Marliese Schuler geb. Kissler aus der Rosenstraße 22:

         Ich denke noch oft an diesen 24. Dezember 1944. Eigentlich wohnte ich in Neunkirchen/Saar, aber an diesem Tag weilte ich mit meiner Mutter, Margarethe Kissler geb. Litz, bei meinen Großeltern in St. Wendel, Tholeyer Straße 20. Wir wollten zusammen Weihnachten feiern, denn auch mein Vater, Otto Kissler, der in Miesenbach/Pfalz bei einer Einheit der Deutschen Wehrmacht stationiert war, war auf Urlaub gekommen.
         Durch Jabo-Beschüsse und Bombenangriffe auf die Hüttenstadt Neunkirchen war ich schon oft genug mit der Grausamkeit dieses Krieges konfrontiert worden. Doch dieser Heiligabend des Jahres 1944 war für mich so endgültig trostlos, daß ich ihn nie vergessen werde.
         Dabei fing alles so gut an.
         Obwohl das Haus Litz, Tholeyer Straße 20, einen gut abgestützten Luftschutzkeller besaß, gingen wir an diesem Tag alle zu meiner Tante, Katharina Egersdörfer geb. Litz, in die Rosenstraße 22. Die Großeltern fühlten sich in dem nahegelegenen Hochbunker sicherer, und auch den anderen Erwachsenen war die etwas weitere Entfernung vom Güterbahnhof St. Wendel sehr angenehm. In der letzten Zeit waren wiederholt Bomben auf St. Wendel niedergegangen. Man lebte in einer ständigen Unruhe und Angst, die auch durch den Heiligabend und das Weihnachtsfest nicht verdrängt werden konnten. Und trotzdem traf man Vorbereitungen für das Fest. Meine Mutter Gretel und Tante Trina hatten Kuchen gebacken. Tante Berta Litz hatte - weiß Gott woher -wieder einmal Mehl "organisiert".
         Wir Kinder - das waren Karlheinz Egersdörfer, der Sohn von Tante Trina, Horst Keller aus Rosenstraße 28, Marliese und Hildegard Marschall - wir nannten sie "Gadehildchen" - beide aus Tholeyer Straße 18, und ich, hatten auch was vor. Es gab ja keine Tannenbäume zu kaufen, also mußten wir uns einen besorgen. Bei der Kaserne war ein Gelände mit vielen kleinen Tannenbäumen. Da durfte man wohl einige holen, hatte Opa Litz gesagt.
         Marliese Marschall war meine beste Freundin, wenn ich in St. Wendel war. Und ich verbrachte alle Ferien in Tholeyer Straße 20 und spielte zusammen mit Marliese, Hildegard und Karlheinz. Ich erinnere mich auch noch an ein Mädchen, das Hannelore Stoll hieß. Ich meine, sie wohnte im Haus Nr. 22.
         So war es auch an diesem Heiligabend selbstverständlich, daß Marliese und Hildegard in der Rosenstraße erschienen, denn auch sie wollten einen Tannenbaum besorgen. Horst Keller, der Älteste von uns, hatte ein Beil mit, und so zogen wir am Vormittag los, Richtung Kaserne. Naturlich waren wir in Eile, die Angst vor Fliegeralarm trieb uns an. Trotzdem waren wir fröhlich, liefen hin und her und suchten uns die schönsten Bäumchen aus. Alles klappte prima. Mit vier Tannenbäumen beladen - Marliese hatte noch einen für ihre Großeltern Marschall ausgesucht - waren wir schon nach kurzer Zeit wieder in Rosenstraße 22. Ich erinnere mich noch, daß ich mit Marliese und Hildegard an der Gartenpforte geredet habe, ich weiß aber nicht mehr worüber. Einer der Erwachsenen mahnte die beiden, nach Hause zu gehen, bevor wieder Fliegeralarm kommen würde. Und sie gingen mit ihren Tannenbäumen weg. In der Küche von Tante Trina standen auf der breiten Fensterbank drei oder vier Kuchen.
         Plötzlich war dann wieder Fliegeralarm. Was dann alles geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich heute nur noch an die Stelle in Tante Trinas Keller, wo ich auf den Knien lag, meine Mutter über mich gebeugt, und ich habe noch den dumpfen Ton der einschlagenden Bomben im Ohr. Auf der Kellertreppe standen Tante Paula Litz und mein Vater Otto Kissler. Tante Paula rief: "Oh Gott, wo ist mein Rosenkranz?" Ich weiß das genau, denn ich habe als Kind nicht gern den Rosenkranz gebetet, und in dem Moment, wo ich solche Angst hatte, dachte sie an den Rosenkranz. Dann war es still über St. Wendel. Wir gingen langsam nach oben. Das erste, was ich sah, war, daß der Kuchen auf der Fensterbank voller Glassplitter war, den alle Fensterscheiben waren zerborsten. Ich weiß, daß auch Tante Paula darüber geklagt hat.
         Irgendwann am Nachmittag gingen wir dann die Tholeyer Straße hinunter zu dem Haus meiner Großeltern. Ich wollte Mutters Hand nicht loslassen, ich hatte schreckliche Angst, irgendwo allein zu stehen. Vor dem Haus meiner Großeltern waren Schutthaufen und Bombenlöcher. Ich stand auf einem Trümmerhaufen und sah mit Entsetzen auf die Stelle, wo "Marschalls Haus" gestanden hatte. Für mich war es ein riesiges Loch, in dem alles unter Trümmern begraben lag. Und ich hörte die Erwachsenen sagen: "Die sind bestimmt alle tot!"
         Man holte aus dem stark beschädigten Haus meiner Großeltern Matratzen, denn wir mußten jetzt alle in der Rosenstraße 22 bleiben. Am Abend dieses 24. Dezember 1944 lag ich zwischen meinen Eltern auf dem Boden im Wohnzimmer von Tante Trina auf den geretteten Matratzen.
         Und jetzt weinte ich. Denn jetzt erst begriff ich, daß Marliese tot war und alle anderen aus dem Hause Tholeyer Straße 18, die ich doch alle gekannt und geliebt hatte. Der Schmerz um den Tod meiner Freundin Marliese, die ich an diesem Tag endgültig zum letzten Mal lebend gesehen habe, hatte mich überwältigt, und heute weiß ich, es war der erste große Schmerz in meinem Leben, das doch erst elf Jahre alt war.
         Was mit unserem Tannenbaum geschehen ist, habe ich vergessen.

Tholeyer Straße 20 (Litz)
von Paula Litz

        
Unser Haus liegt vom 1. Gleis des Verschiebebahnhofs nur etwa 25 bis 30 Meter entfernt. In diesem 1. Gleis wurde oft Munition verladen, was wohl den feindlichen Fliegern bekannt gewesen sein mußte. Anfang Dezember 1944, um Nikolaustag, kamen Jabos und beschossen zielgerecht dieses Verladegleis und die Waggons. Unser Keller, der zwar mit Telegrafenstangen abgestützt war, gab keinen sicheren Schutz mehr. Weil der Bahnhof und dieser Verschiebebahnhof immer wieder von Bombern und Jabos angegriffen wurde, drängte unser Bruder Peter darauf, unser Haus zu verlassen. Unsere Eltern und Geschwister hielten sich daher bei unserer Schwester Katharina Egersdörfer in der Rosenstraße auf und gingen bei größerem Alarm in der Bunker bei den Kasernen. Trina stand morgens um 5 Uhr auf, bereitete ein Mahl aus Mehlspeisen und Kartoffeln zu, was die Eltern dann, zusätzlich noch mit einer Kanne Kaffee, für tagsüber in den Bunker mitnahmen. Im Hause unserer Schwester Trina nahmen auch unsere Schwester Gretel Kissler und ihr Kind Marliese (11) Zuflucht.
         An diesem 24. Dezember 1944 waren unsere Eltern und Geschwister im Bunker an der Kaserne. Unser Bruder Peter und unser Schwager Otto Kissler hatten Weihnachtsurlaub. Da die Luft im Bunker zu dick wurde, gingen Paula und Peter an die frische Luft nach draußen, wurden aber von den Bombern überrascht und mussten Schutz unter den Bäumen suchen. Somit konnten sie notgedrungen im Freien mitansehen, wie die Bomben auf die Stadt niedergingen. Über der Alsfasser Kirche stand eine Signal-Rauchbombe, die den nachfolgenden Bombern die Abwurfstelle signalisierte. Bald darauf gingen dann die Bomben nieder, trafen die St. Anna Kirche, Häuser in Breiten, in der Kelsweilerstraße, den Bahnhof und unsere Häuser in der Tholeyer Straße. In unserer Straße stieg eine gewaltige Staubwolke auf, bis dann alsbald die Zerstörung sichtbar wurde. Peter hatte unsern Eltern nichts von der Bombardierung unserer Straße gesagt, bis sie später selber an Ort und Stelle das Elend sehen konnten.
         Das Haus von Rudi Müller und das Haus unseres Nachbarn Johann Marschall war ein Trümmerhaufen. Von unserm Nachbar Guddat war die linke Giebelwand herausgerissen, von unserm Haus war der Giebel zu Marschall zu weggerissen, im Hause selbst die Mittelwand im Hausflur weg, unsere gute Stube mit allen Möbeln und Klavier zerstört, das Schlafzimmer von Alfred zerschlagen. Auf der Straße waren eine Mine und eine schwere Bombe explodiert und hatten tiefe Löcher in die Straße gerissen. Unser Haus war unbewohnbar geworden. In unserm Stall blieben jedoch das Federvieh und die Geisen völlig unversehrt.
         Später wurden die Ziegen und das Federvieh nach Breiten-Alsfassen "evakuiert" und in "Sicherheit" gebracht, was aber nicht unbeschadet und ohne Verlust vor sich ging. Wie schon oben erwähnt, wurden das ganze Inventar, Möbel und Klavier bei dieser Bombardierung in unserer guten Stube zerstört, nur die Herz-Jesu-Statue und das Bild vom hl. Josef blieben unversehrt.


         Am Hause unserer Schwester Trina waren nach dieser Bombardierung keine Fenster mehr ganz, wie auch bei den andern Häusern, von den abgedeckten Dächern rundum sei weiter hier nicht mehr die Rede.
         Im Turm der St. Anna Kirche soll eine Funkstelle von SS Truppen installiert gewesen sein - man munkelte später, deshalb sei die Kirche angegriffen wurde - oder war es das Aussehen von einer Fabrik, das die Kirche, von oben gesehen, abgab und zur Bombardierung Anlass gab; oder war es ein Unglückstreffer, der die Kirche wie auch die anderen Häuser in der Stadt und in Breiten traf?
         Nach der Bombardierung schaffte unser Bruder Peter aus Sicherheitsgründen seine Kohlen aus unserm Keller nach seiner Wohnung in Alsweiler. Er hatte dafür ein Pferdefuhrwerk aus Alsweiler zur Verfügung. Paula und Peter trugen die Kohlen in Körben aus dem Keller in den Wagen, der vor dem Haus stand. Als aber ein Fliegeralarm einsetzte, wurden die Pferde scheu und rasten im Galopp Richtung Winterbach davon. Erst vor der Kaserne brachten Soldaten die Pferde mit dem Wagen zum Stehen.

Tholeyer Straße 22 (Guddat)
von Marliese Schuler geb. Kissler

        
Das Haus wurde um 1906 von Franz Ost von der Fausenmühle und seiner Ehefrau Maria Wagner erbaut. Im April 1914 verkauften sie es an an Friedrich Guddat, Provinzial-Straßenmeister in St. Wendel, Ehemann von Agnes Schröder. Das Ehepaar wohnte seit 1899 in St. Wendel. Wann Fritz Guddat verstorben ist, habe ich nicht herausfinden können. Seine Witwe zog 1939 in die Revierförsterei von Hänigsen, Kreis Burgdorf, wo sie aber nur ein paar Monate blieb und in die Tholeyer Straße 22 zurückkehrte. Nach der Beschädigung des Hauses zog sie im Januar 1945 endgültig nach Hänigsen um.
         Im Hause Guddat wohnte seit mehreren Jahren die an der Alsfasser Volksschule tätige Lehrerein Anna Schweitzer. Am Tage der Bombardierung war Frl. Schweitzer bei ihrer Schwester in Forbach und blieb auch dort bis zu ihrem Tod. Ihre Möbel übernahm ihr Neffe, Pfarrer Franz Annel in Emmersweiler. Frau Guddat war in dieser Zeit bei ihrer Tochter Hedwig verheiratete Loose. Hedwig hatte ihre Mutter bereits seit Anfang des Krieges zu sich nach Westfalen genommen. Frau Guddat vermietete ihre Wohnung an Familie Jakob Stoll. Frau Johanna Stoll und ihre Mutter waren bei der Bombardierung in der Kaserne, weil sie dort in der Küche beschäftigt waren. Im Hause Guddat war also zur Zeit der Bombardierung niemand anwesend.
         Über die Schäden, die das Haus Guddat bei der Bombardierung an 24. Dezember erhalten hatte, wurde bereits berichtet. Da das Haus unbewohnbar war, zog die Familie Stoll in die Kelsweilerstraße über und bezog eine Wohnung neben dem dortigen ASKO. Das Haus Guddat stand danach leer, bis es im Jahre 1953 in den Besitz der Familie Theodor Kiefer kam, die es wieder aufbaute und bis jetzt bewohnt bzw. deren Nachkommen.

Tholeyer Straße 25 (Kiefer)

        
Das Haus wurde 1926/27 von Johann Kiefer und seiner Ehefrau Auguste verwitwete Braun geb. Charrois an der Ecke der Tholeyer Straße zu dem Feldweg, der heute „Im Wirthenbösch“ heißt, erbaut. Nach der Fertigstellung im Juli 1927 zog das Ehepaar mit seinen vier Kindern Johann Theodor (genannt „Theo“), Karl Wilhelm, Alice Bertha und Konrad Braun (ein Sohn Auguste aus erster Ehe) von Neunkirchen nach St. Wendel in das neue Haus. Am 14. Dezember 1942 fiel Theo in Russland. Tochter Alice heiratete 1942 Heinz Wilhelm; sie starb zusammen mit ihren Eltern am Heiligen Abend, als das Haus um 15.34 Uhr von Bomben getroffen und völlig zerstört wurde.
         Außer der Familie Kiefer kamen im Haus noch weitere Menschen ums Leben:
         Hildegard Marschall aus Tholeyer Straße 18. Marliese Schuler schrieb, sie hätte sich von Hildegard und ihre Schwester Marliese in der Rosenstraße verabschiedet. Die Mädchen seien mit ihren Tannenbäumen nach Hause gelaufen. Sie müssen vom Luftalarm überrascht worden sein. Während Marliese die Straße hinunter nach Hause lief, muß Hildegard im näher gelegenen Haus Nr. 25 Schutz gesucht haben.
         Elsa Herta Lieselotte Boden geb. Böttcher, geboren in Plaue an der Havel, wohnte in Saarburg auf dem Schiff „Margarete“. Sie hielt sich mit ihrer Schwägerin Elisabeth Zimmer geb. Boden, die in Dillingen wohnte, am Heiligabend hier im Haus auf.
         Ebenso Emma geb. Fey, die mit ihrem Ehemann Peter Fickinger und den beiden Söhnen Hans und Kurt seit 1937 im Haus zur Miete wohnte. Beide Söhne waren bei der Wehrmacht und kehrten erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft wieder heim. Ehemann Peter Fickinger überlebte den Krieg.
         Erst im März 1953 errichtete der Otto Hartmann „anstelle des durch Kriegseinwirkung zerstörten Hauses Kiefer“ an dieser Stelle sein Wohnhaus mit Metzgerei und Laden. Nach der Schließung der Metzgerei wurde daraus ein reines Mehrfamilienwohnhaus.
Tholeyer Straße 28 (Gladel)

        
Das Haus wurde im Jahre 1929 gebaut. Im April 1924 zog der Studienrat Dr. Anton Gladel, von Remagen am Rhein kommend, zunächst in die Schlachthofstraße. Im März 1929 kaufte er zwei Ackergrundstücke am Tholeyerberg von Johann Adam Wagner und seiner Ehefrau Berta Jacobi und ließ das Haus darauf errichten, das er am 1. November zusammen mit seiner Schwester Margarete bezog. Dr. Gladel starb am 09.11.1943 in St. Wendel. Das Haus wurde im Jahre 1950 von Nikolaus Birtel wieder neu aufgebaut.

Drei Zeitzeugen haben die Ereignisse um dieses Haus beschrieben.

Paula Litz
         Verwandte und Geschwister von Dr. Gladel, Tholeyer Straße 26, die aus Felsberg kamen, hatten hier in der Tholeyer Straße 28 bei ihrer Schwester Margaretha Gladel Zuflucht gesucht. Die Verwandten waren mit einem Pferdegespann und Planwagen hierher gefahren. Am Vormittag dieses Heiligen Abends kam die Schwester Margaretha Gladel zu unserer Mutter mit der Bitte, ihr mit etwas Gemüse aus unserm Garten für eine Mahlzeit auszuhelfen. Mutter gab ihr einen großen, dicken Kabbeskopf. Er wurde für die Familie Gladel zur letzten Mahlzeit.
         Michel Angel, Tholeyer Straße 5, und seine Frau Rosa glaubten, besseren Schutz im Hause Gladel zu finden, weil es etwa 150 bis 200 Meter weiter vom Verschiebebahnhof entfernt lag, und sie flüchteten bei diesem Alarm in den Keller des Hauses. Bei dem Alarm wurden auch Soldaten mit ihren Proviantwagen auf der Straße vor Gladel von den Bombern überrascht, ließen die Wagen stehen, und einige flüchteten in Gladels Haus.
         Alle, die hier Zuflucht gesucht hatten, kamen ums Leben. Michel Angel lag unter einem Türsturz eingeklemmt. Er rief und rief um Hilfe, aber keiner konnte ihm helfen. Der Keller und das ganze Haus stand in Flammen. Sein Sohn, Willi Angel, trug später die verbrannten Überreste seines Vaters in einem kleine Sarg auf den Schultern zum Friedhof.
         Nach der Bombardierung war die Straße mit Würsten, Proviant und verstümmelten, toten Soldaten besät.

Paul Funk.
Er wohnte damals im Hause Ambos schräg gegenüber dem Haus Gladel und arbeitete im Bahnhof.

         Die Bombe muß bei Gladels von hinten her eingeschlagen bzw. explodiert sein. Im Keller lag der Koks für den Winter. Die Kellerfenster waren sehr klein. Durch den Koksbrand entstanden Rauchgase, die zur Erstickung führten. Auf der Straße war ein Bild des Grauens. Ein Proviantkonvoi mit etwa 30-35 Soldaten stand auf der Straße. Eine Bombe zerriss die Wagen und Soldaten, man rechnete mit 30 Toten. Die Straße war übersät mit Würsten und Proviant, dazwischen die zerrissenen Glieder und Leiber der Soldaten. Die Hauptangriffspunkte bei der Bombardierung waren der Bahnhof und die Eisenbahnüberführung mit der dortigen Abzweigstelle der Eisenbahnlinien Türkismühle und nach Tholey.
         Dr. phil. Anton Gladel war am 25.8.1887 in Felsberg geboren. Vom 25.4.1924 bis zu seiner Pensionierung am 1. Januar 1935 war er Religionslehrer - Studienrat - bei den Mädchen an der Landesstudienanstalt St. Wendel. Als er beim Ewigen Gebet am 9. November 1943 in Namborn bei der Vesper die Orgel spielte, traf ihn ein Herzschlag und setzte seinem Leben ein Ende. Er war nur 56 Jahre alt geworden. Er wurde am 13. November 1943 in seinem Heimatsort Felsberg beerdigt.
         Sein Bruder Nikolaus Gladel war hier in der Stadtkirche zum Hl. Wendelin Kaplan von 1923 bis 1928.

Ruth Dörr geb. Federkeil,
Enkelkind der verstorbenen Eheleute Michel und Rosa Angel

         Ruth, damals 14 Jahre alt, hatte die Bombardierung der Stadt am 24. Dezember 1944 zu Hause im Keller bei ihren Eltern im oberen Härling 8 erlebt. Die Bombenaufschläge ringsum waren so stark, daß die Grundfesten des Elternhauses erschütterten und Gips von den Decken und Wänden fiel. Tante Lena Angel, jetzt verheiratete Pies, war bei dem Alarm in einen Bunker geflüchtet. Die Großeltern Michel und Rosa Angel kamen meistens bei Alarm in den Keller ihrer Tochter Rosel verheiratete Federkeil, Oberer Hassel 8. An diesem Tag aber gingen sie in den Keller im Hause von Dr. Gladel, wohl in der Meinung, dort sicherer zu sein oder der Weg zum oberen Hassel war bei der auf sie zukommenden Gefahr zu weit, und suchten flüchtig im Keller von Dr. Gladel Schutz; denn nach der Bombardierung fand man die Oma Rosa Angel tot am Eingang zum Keller auf. Der Keller von Dr. Gladel war von Schutz suchenden Leuten gefüllt.
         Das Haus ging in riesige Flammen auf, sodaß der Himmel rot war. Opa Michel Angel war noch am Leben und rief: " Helft mir doch, ich bin noch am Leben". Er war in die Trümmer eingeklemmt. Die Leute, die helfen wollten, liefen aber bald wieder weg, da erneut Fliegeralarm einsetzte. Onkel Willi war direkt nach der Bombardierung zum Hause von Dr. Gladel geeilt, er konnte aber seinen Vater nicht aus den Trümmern befreien und ihm helfen.
         Noch am selben Abend gingen meine Mutter und ich zurück nach Remmesweiler zu den Großeltern. Am anderen Tag - es war der 25. Dezember 1944, das Hohe Weihnachtsfest - gingen wir in das Festhochamt nach Mainzweiler. Während der hl. Messe setzte Fliegeralarm ein. Ich sprang aus der Bank, stürzte zu dem Priester am Altar - meine Mutter mir nach - und umklammerte mit meinen Armen den Pastor (Stockhausen) und glaubte, bei ihm sicheren Schutz zu finden. Die anderen Leute in der Kirche konnten unsere Angst nicht begreifen und verstehen, sie hatten ja den schrecklichen Tag gestern in St. Wendel, den Anblick der Vernichtung und der Toten, nicht miterlebt. Der Schreck dieser Tage und die Angst steckt mir heute noch in den Knochen.

Familie Cronacher

        
St. Wendel, den 12. Mai 1945
Der Stadtbürgermeister an das Bauamt im Hause
         Bei dem Bombenangriff vom 24.12.44 wurden u.a. auch der Zollbeamte Cronacher mit Tochter verschüttet.
         Nach Angabe der Frau Cronacher sind die beiden Leichen sehr wahrscheinlich im Keller des Hauses Gladel und sie bittet dringend, die Nachforschungen nach den beiden Leichen sobald als möglich aufzunehmen.
         Bei dieser Gelegenheit möchte ich bitten, mir mitzuteilen, an welchen Stellen vermutlich noch verschüttete Leichen liegen, damit dieselben vor dem Einsetzen der warmen Jahreszeit beendigt werden können.

         St. Wendel, den 17. Mai 1945
Stadtbauamt an den Herrn Stadtbürgermeister in St. Wendel
Betr.: Ausgrabungen von Leichen
         Im Hause Gladel sind keine Leichen mehr aufgefunden worden. Die wochenlangen Nachforschungen waren erfolglos. Falls bei dem Bombenangriff Cronacher und Tochter in dem Haus Gladel gewesen sind, muss angenommen, daß die Leichen verbrannt sind.
         Im städtischen Hause Fausenmühle wird noch die Leiche des Mieters Mercher vermisst. Auch hier wurde mindestens 4 Wochen lang mit ca. 10 Einsatzkräften alles durchsucht, ohne die Leiche zu finden.
         Ferner wurden im Hause Schuhaus Wagner 2 Personen verschüttet. Nach mühevollem Durchsuchen der Trümmer konnten nur einige Leichenteile gefunden werden.
Quelle: Stadtarchiv St. Wendel.

Carl Cronacher wurde 1889 in Eisfeld geboren. Seine Frau Rosa Vockentanz aus Bad Kreuznach heiratete er 1920 in Nürnberg. Eine Versetzung muß wohl nach Wertach im Allgäu geführt haben, denn dort kam 1928 ihre Tochter Annemarie auf die Welt. 1937 zog die Familie aus Unterfranken nach St. Wendel und wohnte in der Coburger Straße 6. Frau Cronacher nahm sich 1951 das Leben.

Johann Litz, der mit Mathilde Sommer gesprochen hat, schreibt:
„Nach Tillis Bericht sind Herr Cronacher und Tochter nicht im Keller von Marschall tödlich getroffen worden - wie im Bericht von Else Zawar steht (siehe Tholeyer Straße 18)- "sondern sie seien am Giebel neben unserm Haus (Litz) liegend tot aufgefunden worden.“

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