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19tes Jahrhundert -> 1807 Den Zinngießer Johann Baptist Ardizzi aus Oira am Ortasee im Dipartimento dell’Agogna betreffend

Den Zinngießer Johann Baptist Ardizzi aus Oira am Ortasee im Dipartimento dell’Agogna betreffend.

Letztens stieß ich auf einen Todesfall eines Italieners namens Johann Baptist Ardizzi, geboren um 1759, der am 8. August 1807 in St. Wendel im Alter von 47 Jahren gestorben ist. Er hinterließ seine Ehefrau Martha Bourgarda. Im Kirchenbucheintrag steht in Latein: „domiciliatus in oria ad lacum De Horta departementi de Giagna ob opificium stagni fusoris et formatoris his in regionibus degens“.

Allerdings - das konnte ich nicht wirklich lesen. Den Anfang vielleicht noch - aber nach hinten blieben meine Lesekenntnisse auf der Strecke, weil ich mir unter den Wörtern nichts vorstellen konnte. Also schoß ich ein Foto und sandte es an Frau Dr. Stitz, die daraus fachkundig „beheimatet in Oria an der Küste am See De Horta im Departement Giagna und wegen der Tätigkeit als Teichgießer und –former in diesen Gegenden lebend“ machte.

 

Was die Fragen aufwarf, wo dieser Ort lag und was zum Geier ein Teichgießer und Teichformer tut und warum ein Mann mit einem solchen Beruf sich in St. Wendel niederlassen würde. Tatsächlich gibt es den Ort „Oria“ heute noch in Italien - gleich zweimal. Einmal unten im Stiefelabsatz, der andere gehört zur Region Como und liegt am Nordostufer des Luganer Sees. Und es gibt einen See namens „d’Orta“, der liegt ein Stück westlich des Lagio Maggiore, von Oria am Luganersee etwa 70 km entfernt. Nur das Department Giagna habe ich nicht finden können.

Im Familienstandsregister St. Wendel ist der Tod natürlich auch vermerkt. Dort werden zwei Zeugen angegeben, die leider nicht mit dem Toten verwandt sind - Joseph Tridondano, 41, und Jakob Tholey, 46. Ardizzis Ehefrau wird dort „unterschlagen“ (weshalb es für Genealogen, die z.B. ein Familienbuch zusammenstellen, ratsam sein mag, alle Quellen auszuschöpfen, nicht nur einseitig die Familienstandsregister oder die Kirchenbücher). Ardizzis Beruf wird mit „polier d’élain“ angegeben, was der Übersetzer als „Wollpolierer“ deutet.

 

Das wird immer obskurer. Also schaute ich genauer hin und sah, daß das „l“ bei „élain“ in Wirklichkeit in „t“ war, somit wurde aus dem „polier d’élain“ ein „polier d'étain“, was sich mit „Zinnpolierer“ übersetzen läßt. Joseph Tridondano, ebenfalls aus Italien stammend, war Zinngießer (die Familie besaß ein Haus in St. Wendel auf dem sog. Fräuleinbauplatz an der Ecke Josefs- und Marienstraße; den Familiennamen gab es schon nach der ersten Generation nicht mehr in St. Wendel. Ein Sohn heiratete nach Bernkastel-Kues, einen Tochter heiratete einen Bindhammer).


Über verschiedene Listen - sowohl aus den USA (Eva Holmes) als auch aus Deutschland (Waltraud Pallasch und Rainer Clemens) - habe ich gelernt, daß „stagnum“ oder „stannum“ hier mit „Zinn“ zu übersetzen ist, was zum allseits beliebten Stannioalpapier führt. In kleine Streifen geschnitten und aus Flugzeugen geworfen, verbesserte es im Zweiten Weltkrieg die Überlebenschance eines Fallschirmspringers erheblich, weil die einzelnen Fäden jeden Radarschirmbeobachter in den Wahnsinn trieben („staff“ nannten die Amerikaner das Zeug; ein paar Reste fand ich vor 20 Jahren in den paar Kilogramm Schrott, der von den 30 Tonnen eines amerikanischen Bombers übriggeblieben war) - und wer kennt nicht „Lametta“,  das zur Weihnachtszeit einen ordinären Tannenbaum in ein glitzernden Irgendwas verwandelte.


Waltraud Pallasch kennt sich am oberitalienischen Ortasee aus und weiß, daß der Ortsname im Sterbeeintrag falsch geschrieben war: der Ort heißt nicht „Oria“, sondern „Oira“. Und der liegt an diesem See.

Und den Familiennamen hat sie dort auch heute noch gefunden - hier bei den Brüdern „Ardizzi Fratelli S.n.c.“ in der Via Lago in 28891 Oira

Rainer Clemens vermutet, daß es sich bei der Departmentsbezeichnung „Giagna“ um eine Falschschreibung handelt. Die sicherlich leicht passieren kann, wenn der deutsche Pfarrer sich mit der italienischsprachigen Witwe unterhält: dann kann leicht aus dem „Dipartimento dell’Agogna“ das „Department Giagna“ werden.


Eben bin ich seinem Link gefolgt und habe beim wikiepedia-Eintrag der Departmentshauptstadt Novarra (https://de.wikipedia.org/wiki/Novara) eine Karte gefunden, die den Ortasee am oberen Ende des Departments zeigt.

Mein Dank gilt den drei genannten Forscherkollegen, ohne die ich sicherlich noch in einer ganz falschen Ecke Italiens nach der Nadel suchen würde, die dort in keinem Heuhaufen zu finden ist.

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